Fragen eines lesenden Bergarbeiters

von Anselm Jappe

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Wie wir wissen, ist der Neoliberalismus das Zeitalter der Privatisierung: Privatisierung der Krankenhäuser und Wasserversorgung, des Wissens und des Transportwesens, des menschlichen Genoms und des öffentlichen Raums. Die öffentliche Hand zieht sich zurück, private Unternehmen springen in die Bresche und nehmen ihren Platz ein. In Italien beispielsweise ließe sich heute kein öffentliches Monument mehr ohne riesige Fassadenwerbung für einen Sponsor restaurieren. Genauso werden Gedächtnis und Wahrnehmung privatisiert: Die Art und Weise, wie Vergangenheit und Gegenwart unserer Welt dargestellt werden, bleiben zunehmend privaten Interessenvertretern — oder, grob gesagt, großen Unternehmen — überlassen. Es sind dies in der Regel die gleichen Unternehmen, deren Arbeit unabhängig begutachtet werden soll, sprich von Menschen, die kein persönliches Interesse daran haben, sie zu verteidigen.

Wir haben es hier mit einer Art mentalem Kolonialismus zu tun. Die, die dafür verantwortlich sind, dass die Welt so ist, wie sie ist, möchten gleichzeitig festlegen, was wir über ihre Handlungen denken. Würde die Kirche heute ein Museum der Inquisition eröffnen oder ein Verband von Zuckerrohrerzeugern eine Ausstellung über Sklaverei organisieren wollen, würde dies zweifellos einen Skandal auslösen. Aber ist es nicht das Gleiche, wenn ein Bergbauunternehmen in Brasilien private Museen zum Thema Bergbau mit öffentlichen Geldern eröffnet? Hier wie auch andernorts hat der sanfte Totalitarismus des Markts den unverhohlenen Totalitarismus der Politik abgelöst. Alle modernen totalitären Systeme wollen die Geschichte neu schreiben und sich das Monopol ihrer Darstellung sichern; Stalinismus und Maoismus trieben dies auf die Spitze.

Museum of Public Concerns, by Mabe Bethônico.
Museum of Public Concerns, by Mabe Bethônico.

Diese Situation ist zwar ein globales Phänomen, doch nirgendwo so offensichtlich als in Brasilien. Hier ist der öffentliche Raum schon immer sehr eingegrenzt gewesen — nicht nur weil der Staat im Vergleich zu den vermögenden Klassen historisch schwach ist (was sich heute beispielweise in dem Umstand zeigt, dass der Steuersatz für Reiche und große Unternehmen äußerst niedrig ist, während sich gleichzeitig riesige Vermögen angesammelt haben, die sich jede Investition im Bereich der Kultur leisten können). Doch der öffentliche Raum Brasiliens ist auch buchstäblich eingeschränkt, insofern die Straßen in der Regel den Armen und „gefährlichen Klassen“ überlassen werden; jeder, der es sich leisten kann, macht einen Bogen um sie herum und fährt mit dem Wagen von einer geschützten Zone in die nächste.

Im offiziellen Diskurs dieses „aufstrebenden Lands“ herrscht die Begeisterung für eine vermeintlich strahlende Zukunft vor; dementsprechend wird erwartet, dass seine Einwohner die oftmals beschämenden Ursprünge der „wirtschaftlichen Entwicklung“ vergessen. Natürlich finden wichtige Ereignisse wie Sklaverei und Militärdiktatur regelmäßig Erwähnung (wobei aber immer wieder betont wird, dass sie der Vergangenheit angehören). Doch was ist mit den unzähligen täglichen Leidensgeschichten und Ungerechtigkeiten, die für immer verborgen bleiben?

Museum of Public Concerns' sketchbook, by Mabe Bethônico.
Museum of Public Concerns‘ sketchbook, by Mabe Bethônico.

Genau dies macht das besondere Interesse von Mabe Bethônicos Projekt aus. Es ist ein Museum, das sich keinem (egal wie wichtigen) Thema widmet, sondern dem Prinzip der öffentlichen Debatte an sich. Es ist ein Ort, an dem alles gesagt werden kann. Hier bedeutet „öffentlich“ nicht „staatlich“, denn auch der Staat hat Dinge zu verbergen, weshalb man ihm keinesfalls das Monopol auf Darstellungen überlassen sollte. (In diesem Zusammenhang ließen sich zwei Beispiele aus Minas Gerais anführen, dem brasilianischen Bundesstaat, in dem Bethônicos Projekt stattfindet: das Massaker von Arbeitern durch die Polizei in Ipatinga 1963 und das „Konzentrationslager“ der psychiatrischen Klinik in Barbacena — beides Ereignisse, die in eine ferne Vergangenheit verbannt und nie wirklich aufgearbeitet worden sind.) Bethônicos Projekt bietet Raum für einen anderen Diskurs, eine Gegengeschichte. Ähnlich wie das „Buchmobil“ dies seit den 1920er Jahren tut, wird ein Bus Bethônicos Museum zu jenen bringen, die ansonsten nie ein Museum besuchen. Der schamlosen Selbstverherrlichung der Gewalt setzt es nicht nur eine andere, von vermeintlich unabhängigen Journalisten, alternativen Historikern und Wissenschaftlern geschriebene Geschichte entgegen, sondern die Möglichkeit, dass die Stimmen derer, die im Dunkeln bleiben — Arbeiter, Indios, Frauen, Arme, auch die Natur — auf offene Ohren stoßen und sie ihre eigene Geschichte erkennen. 

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Top . Museum of Public Concerns, by Mabe Bethônico, Belo Horizonte, Brazil.

Museum of public concerns . by Mabe Bethônico